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Koranisten vs. Ahlul Hadith

Bei der Bewertung von Hadithen - also den Überlieferungen über den Propheten (Gott segne ihn und gebe ihm Heil) - gibt es zwei entgegengesetzte Positionen: Auf der einen Seite stehen diejenigen, die Hadithe grundsätzlich ablehnen und ausschließlich den Koran als verbindliche Quelle anerkennen. Auf der anderen Seite befinden sich jene, die als "sahih" oder gar "mutawatir" eingestufte Hadithe nahezu auf eine Stufe mit dem Koran stellen.

Die Koranisten haben ein paar gute Argumente:

Sie verweisen darauf, dass viele innerislamische Spaltungen auf unterschiedlichen Hadith-Interpretationen beruhen. Würden sich die Muslime allein am Koran orientieren - "Haltet alle fest am Seil Allahs und geht nicht auseinander" (Ali Imran 103) -, so ihre Ansicht, wäre die Gemeinschaft geeinter.

Zudem betont der Koran an mehreren Stellen seine Vollständigkeit und Ausführlichkeit. Daraus schließen sie, dass keine zusätzlichen Quellen notwendig seien.

Soll ich denn einen anderen Richter als Allah begehren, wo Er es doch ist, der das Buch, ausführlich dargelegt, zu euch herabgesandt hat? Diejenigen, denen Wir die Schrift gaben, wissen, dass es von deinem Herrn mit der Wahrheit herabgesandt wurde. So gehöre ja nicht zu den Zweiflern. Vollkommen ist das Wort deines Herrn in Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit. Es gibt niemanden, der Seine Worte abändern könnte. Und Er ist der Allhörende und Allwissende. [al-Anam 114, 115. Siehe dazu auch al-Anam 38, Yusuf 111, Qaf 45]

Gleichzeitig weisen sie darauf hin, dass zahlreiche Hadithe einander widersprechen, mit dem Wortlaut des Korans schwer vereinbar sind oder mit rationalem Verständnis. Als Beispiel nennen sie unterschiedliche Fassungen eines bekannten Ausspruchs des Propheten (Gott segne ihn und gebe ihm Heil): "Ich habe euch etwas hinterlassen, an dem ihr festhalten sollt, damit ihr niemals in die Irre geht: das Buch Gottes und meine Familie (Ahlul Bayt)." Dies soll der Prophet (Gott segne ihn und gebe ihm Heil) auf der Abschiedswallfahrt gesagt haben, und zwar vor hunderten Menschen. Da dies kurz vor seinem Tod war und das Gesagte ein Teil seines Vermächtnisses und daher besonders wichtig, sollte über den genauen Wortlaut eigentlich kein Zweifel bestehen, zumal bezeugt von hunderten Leuten.

Aber erstaunlicherweise gibt es noch zwei andere Wortlaute: "Ich habe euch etwas hinterlassen, an dem ihr festhalten sollt, damit ihr niemals in die Irre geht: das Buch Gottes und meine Sunnah", und ebenfalls: "Ich habe euch etwas hinterlassen, an dem ihr festhalten sollt, damit ihr niemals in die Irre geht: das Buch Gottes." Die erste Version findet sich bei Muslim, ibn Hanbal und Darimi; die zweite in Ahmads Muwatta und die dritte bei Muslim, ibn Majah und Abu Dawud. Wenn es Zweifel an einem solchen zentralen Hadith gibt, wie steht es dann erst mit den anderen, von viel weniger Menschen bezeugten?

Es gibt Berichte über den Propheten (Gott segne ihn und gebe ihm Heil), in dem er die Niederschrift von Hadithen verbot: Ibn Said Al-Khudry berichtete, dass der Gesandte Gottes gesagt habe: "Schreibt nichts von mir außer dem Koran. Wer etwas anderes als den Koran schreibt, soll es löschen." [Ahmed, Band 1, Seite 171, und Sahih Muslim, Zuhd, Buch 42, Nummer 7147]

Dies wird gerne damit erklärt, dass zu dieser Zeit noch die Angst bestand, die Aussprüche des Propheten (Gott segne ihn und gebe ihm Heil) könnten mit den Versen des Korans vermischt werden, aber als diese Gefahr nicht mehr bestand, das Verbot nicht mehr galt.

Es gibt jedoch zahlreiche Berichte, dass auch viele Gefährten sehr im Zweifel waren, ob sie Hadithe überhaupt weitergeben sollten. Umar (das Wohlgefallen Allahs sei auf ihm), der zweite Kalif, verbot es speziell Abu Hurairah, aber auch anderen Gefährten, Hadithe wiederzugeben, weil er unter anderem Angst hatte, es könnte die Leute vom Koran ablenken. Er sagte: "Ich wollte das Sunan schreiben, aber erinnerte mich an ein Volk, das vor euch da war, das andere Bücher schrieb, um ihnen zu folgen, und das Buch Gottes verließ. Und ich werde niemals, das schwöre ich, Gottes Buch durch irgendetwas ersetzen." [Jami' Al-Bayan 1/67].

Ali Ibn Abu Talib (das Wohlgefallen Allahs sei auf ihm), der vierte Kalif, sagte Ähnliches in einer seiner Reden: "Ich fordere alle, die Schriften des Gesandten Gottes besitzen, auf, nach Hause zu gehen und diese zu vernichten. Die Menschen vor euch wurden vernichtet, weil sie den Hadithen ihrer Gelehrten folgten und das Buch ihres Herrn vernachlässigten." (Sunan Al-Darami).

Erst unter dem Kalifen Umar Ibn Abdul-Aziz, also hundert Jahre nach dem Tod des Propheten (Gott segne ihn und gebe ihm Heil), erschienen viele Bücher und Notizbücher mit Hadithen, z.B. Malik Ibn Anas und Mohammed Ibn Ishaq. Am Ende des zweiten Jahrhunderts nach der Hijrah erschienen die als "Masaned" bekannten Bücher, z. B. das Musnad von Ahmad Ibn Hanbal, aber erst in der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts erschienen die berühmten sechs Hadith-Bücher von Bukhari, Muslim. Abu Daud, Tirmidhi, An-Nasai und Ibn Majah. Trotz guter Methoden, die Hadithe zu klassifizieren, sollte es sich von selbst verstehen, dass es nach einer so langen Zeit nicht mehr möglich ist, völlige Gewissheit zu haben. Dafür spricht auch die immense Zahl an Hadithen die gesammelt und wieder verworfen wurden.

Imam Malik Ibn Anas sammelte etwa 500 Hadithe in seinem berühmten Buch Al-Muwattaa. Imam Ahmed Ibn Hanbal sammelte etwa 40.000 Hadithe in seinem berühmten Musnad. Er wählte diese 40.000 Hadithe aus insgesamt 700.000 Hadithen aus. Mit anderen Worten, er hatte Zweifel an 660.000 Hadithen. Imam Bukhari sammelte etwa 600.000 Hadithe. Er akzeptierte 7275 Hadithe und hatte Zweifel an 592.725 Hadithen also an 99%. Imam Muslim sammelte 300.000 Hadithe. Er akzeptierte 4000 davon und lehnte 296.000 ab. Für Koranisten zeigt dies, wie groß die Unsicherheit im Material ist.

Die Hadithe neben dem Koran als Rechtsgrundlage zu nehmen ist besonders problematisch, wenn der Hadith nicht konform mit dem Koran ist. Für die Koranisten ist dies sogar eine Form des Schirk. Im Koran z.B. ist nur von drei Gebeten die Rede, im Hadith jedoch von fünf Pflichtgebeten plus allerlei Zusatzgebeten, wie sie so nicht im Koran stehen, nebst Anleitungen zu den Gebeten und auch der Gebetswaschung. Koranisten vertreten die Ansicht, dass hier Muhammad (Gott segne ihn und gebe ihm Heil) Allah gleichgestellt oder sogar höher gestellt wird, da seine Anordnungen über denen Gottes zu stehen scheinen. Als Beleg zitieren die Koranisten folgende Verse:

Soll ich einen anderen als Gott als Gesetzgeber suchen, wo doch Er es ist, der euch das Buch mit allen Einzelheiten herabgesandt hat? [Al-Anam 114]

Dies sind Gottes Offenbarungen, die Wir euch in Wahrheit vortragen. An welchen Hadithen (Berichten) außer Gott und Seinen Offenbarungen glauben sie denn? [Al-Jathiya 6]

Die obigen Verse sollen belegen, dass Gott der alleinige Gesetzgeber ist, und dass Gesetze aus anderen Schriften außer dem Koran eine Beigesellung (Schirk) darstellen.


Symbolische Gleichstellung von Allah und Muhammad
(Gott segne ihn und gebe ihm Heil), wie man sie heutzutage
in fast jeder Moschee und in vielen Häusern findet,
symbolisch auch für die Gleichstellung von "Qur'an und Sunnah".

Wie machen es die Koranisten denn nun ohne Sunnah?

Sie beten z.B. nur dreimal am Tag, weil nur von drei Gebeten am Tag im Koran die Rede ist. Das Asr und Maghrib-Gebet fallen aus. Es gibt keine Gebetszyklen (Rakaats) und auch nichts Bestimmtes, was man rezitieren muss. Und wenn man Salawat während des Gebets spricht, wäre das Schirk. Gott gebietet uns aber doch im Koran, Salawat auf den Propheten (Gott segne ihn und gebe ihm Heil) zu sprechen [Al-Ahzab 56]. Warum sollte man dies nicht im Gebet dürfen?

Dann meinen sie z.B. auch, der Koran verbiete es nicht, dass eine Frau Imam wird, und lassen Frauen Imam werden. Genauso wenig verbietet der Koran aber den Gebetsruf. Der wird allerdings nicht ausgerufen, weil der ja im Hadith vorkommt! Wenn sie also auf ihre eigenen Interpretationen zurückgreifen ist es in Ordnung, aber wenn es auf Aussprüchen des Propheten (Gott segne ihn und gebe ihm Heil) basiert, dann nicht. Allah sagt uns jedoch, dass der Prophet (Gott segne ihn und gebe ihm Heil) den Menschen den Koran erklärt und dass man seinem Beispiel folgen soll:

Und Wir haben zu dir die Ermahnung hinabgesandt, damit du den Menschen klar machst, was ihnen offenbart worden ist, und auf daß sie nachdenken mögen. [an-Nahl 44]

Sag (o Prophet): Wenn ihr Allah liebt, dann folgt mir. So liebt euch Allah und vergibt euch eure Sünden. Allah ist Allvergebend und Barmherzig. [Ali Imran 31]

Es ist nicht schwer zu sehen, dass trotz einiger guter Argumente die Schlussfolgerungen der Koranisten und eine generelle Zurückweisung der prophetischen Tradition nicht proportional sind. Es ist z.B. unvorstellbar, dass wenn die Prophetengefährten wirklich nur dreimal gebetet hätten, die nachfolgenden Generationen dies auf fünf hätten ändern können, und dies auch noch in allen Regionen und den verschiedenen Fraktionen des Islams gleichzeitig, ohne dass dies einen Sturm der Entrüstung ausgelöst hätte. Heute kann man von den Dschungeln Indonesiens zu den Bergen Pakistans, von der Sahelzone über Istanbul nach New York City in jede Moschee gehen und an dem Gemeinschaftsgebet teilnehmen. Es wird kleine Unterschiede geben, die aber nicht das individuelle Gebet stören oder es gar annullieren. Man wird sich immer als Teil der Ummah fühlen. Nicht aber, wenn man an dem Gebet der Koranisten teilnimmt! Selbst Koranisten untereinander werden dann nicht wissen, was sie zu tun haben, von wegen "Haltet alle fest am Seil Allahs und geht nicht auseinander".


Das Gebet, ein Hauptargument der Koranisten,
ist in Wirklichkeit das beste Gegenargument.

Der geschichtliche Kontext ist immer sehr wichtig, um Dinge richtig einordnen zu können. Wir müssen uns beispielsweise daran erinnern, dass auch der Koran in seiner heutigen Form zur Zeit des Propheten s.a.w. so nicht niedergeschrieben wurde. Als Abu Bakr (das Wohlgefallen Allahs sei auf ihm) Kalif wurde, hatte er anfangs erhebliche Bedenken, den Koran in Buchform zu fassen. Die Mehrheit der Gefährten war aber dafür, und Abu Bakr (das Wohlgefallen Allahs sei auf ihm) ließ sich von ihnen überzeugen. Denn viele der Gefährten, die ihn ganz memoriert hatten starben im Kampf. Auch verbreitete sich der Koran immer mehr in nicht-arabischen Gebieten, wo Fehler in der Aussprache und falsche Wiedergabe auftraten. Und so ging es natürlich auch dem Hadith. Hier aber gab es noch größere Bedenken, und die wurden, wie bereits erwähnt, von vielen Gefährten geteilt.

Die Sunnah des Propheten (Gott segne ihn und gebe ihm Heil) wurde am Anfang in erster Linie durch lebendiges Beispiel weitergegeben. Wie man beispielsweise betet, konnte man direkt sehen. Man hatte die Gefährten als Vorbild, und danach ihre Nachfolger. Unweigerlich wich mit der Zeit und je nach Region die Umsetzung der Sunnah aber immer mehr von der der Prophetengefährten ab. So wurde es immer dringlicher, Methoden zu entwickeln, den "authentischen Islam" zu bewahren. Die Methode allerdings, die Berichte des Propheten niederzuschreiben und zu klassifizieren, setze sich erst relativ spät durch. Die ersten islamischen Juristen stützten ihre rechtlichen Überlegungen vor allem auf fundierte Meinungen (ray) oder lebende lokale Praktiken (urf). Es gab auch die Mu'taziliten, die rationale Überlegungen gebrauchten, aber auch den frühen Tassauwuf, der sich mehr auf spirituelle Erfahrungen konzentrierte.

Der Grund, warum sich die Sammlung und systematische Klassifizierung der Hadithe schliesslich als Methode durchsetzte, war nicht, weil es an sich eine perfekte Methode war, sondern weil die anderen Methoden in der zeitlichen Entwicklung immer mehr ihre Relevanz verloren. Die lokalen Praktiken beispielsweise waren am Anfang zwar noch ein guter Indikator, wie authentischer Islam gelebt wurde, und ließ auch Raum für das islamische Prinzip, dass was die Mehrheit der Muslime als praktisch und sinnvoll ansah, auch bei Allah Gefallen fand (solange es nicht gegen die Scharia verstieß), aber natürlich wich lokales Brauchtum mit der Zeit immer mehr von dem der Anfangszeit ab. Am Anfang war man noch der Ansicht, dass ein Hadith manchmal anderen übergeordneten Prinzipien unterliegen sollte, wie beispielsweise der "fortwährenden Praxis" der Gemeinschaft und den "allgemeinen Grundsätzen der Gerechtigkeit", von denen behauptet wurde, dass sie den Geist des Propheten Mohammed (Gott segne ihn und gebe ihm Heil) besser repräsentieren. Im Laufe der Zeit akzeptierten die Rechtsgelehrten jedoch allmählich die Vorrangstellung der Hadithe und beschränkten die Anwendung anderer Formen der Rechtsargumentation auf die Auslegung von Koran und Hadith.

Die Ahl al-Hadith-Bewegung selbst entstand gegen Ende des 8. Jahrhunderts n. Chr. unter Hadith-Gelehrten, die den Koran und authentische Hadithe als die einzigen akzeptablen Quellen für Recht und Glaubensbekenntnis betrachteten. Zunächst bildeten diese Gelehrten Minderheiten innerhalb bestehender religiöser Studienkreise, aber zu Beginn des 9. Jahrhunderts hatten sie sich unter der Führung von Ahmad ibn Hanbal zu einer eigenständigen Bewegung zusammengeschlossen. Sie waren als "Athari" bekannt, weil sie traditionalistische theologische Lehren vertraten, die rationalistischen Ansätze ablehnten und eine streng wörtliche Auslegung der Heiligen Schriften befürworteten. In theologischen Polemiken wurden sie deswegen oft unter dem Begriff "al-Mujassimun" (die Anthropomorphisten) zusammengefasst, da sie selbst erkennbar metaphorische Phrasen (wie z.B. "Wahrlich, Gottes Hände sind weit geöffnet." (al-Maidah 64) -> soll heißen: "Er ist freigebig und großzügig.") nur "billa kaifa" (ohne wie) akzeptierten, und die recht klar ersichtliche metaphorische Bedeutung ablehnten und es stattdessen wörtlich nahmen. Sie wurden auch als "al-Hashwiyya" (die Wortreichen) bezeichnet, was sich auf die Überfülle an Erzählungen und Traditionen in ihren Werken und Zusammenstellungen bezog.

Die Ahl al-Hadith bezeichneten sich selber gerne als Ahl al-Sunnah (Volk der [prophetischen] Traditionen), was sich auf ihren Anspruch bezog, den orthodoxen (d.h. vollständig auf Traditionen basierenden) sunnitischen Islam zu vertreten. Nicht nur setzte sich immer mehr der Glaube durch, dass die Methodik den anderen überlegen war, sondern dass es die einzige gültige Methode war, und diese Methode an sich quasi unfehlbar. Der Wahn hatte sich etabliert, dass man mit der Klassifizierung von Hadithen in sahih, daif und mauduh sagen konnte, was vor 1400 Jahren genau passiert war und was der Prophet (Gott segne ihn und gebe ihm Heil) und seine Gefährten genau gesagt, getan und gedacht hatten! Dies führte zu einem starren, intoleranten Schriftgelehrtentum, bei dem viel Wert auf Dinge an der Peripherie des Glaubens gelegt wurde. Genau wie Umar (das Wohlgefallen Allahs sei auf ihm) befürchtet hatte, lenkten diese Dinge die Muslime von zentralen Themen des Korans ab.

Hadithe kategorisch abzulehnen ist ein Irrweg. Ohne als Laie selbst die Überlieferungsketten überprüfen zu können, können wir bei vielen mühelos sehen, dass sie korrekt sind, wie beispielsweise bei dem Hadith, dass die Beduinen anfangen werden, mit dem Bau hoher Gebäude zu wetteifern.

Andere Hadithe wiederum sehen auf den ersten Blick sehr seltsam aus, so beispielsweise der Hadith über die Fliege, die man ganz in ein Getränk tauchen soll, wenn sie hereinfällt, denn in einem Flügel wäre eine Krankheit und im anderen die Heilung für die Krankheit. Koranisten lachen über solche Hadithe, aber dieser ist mittlerweile wissenschaftlich belegt.

Andere klingen einfach nur richtig und vernünftig, wie z.B. dass nichts schwerer wiegt am Jüngsten Tag, als ein guter Charakter. Selbst sollte er nicht 100% authentisch sein, es schadet sicher nicht, ihn zu beherzigen.

Wesentlich problematischer wird es mit Hadithen, die klar gegen die Scharia verstoßen, wie z.B. dass Rasullallah (Gott segne ihn und gebe ihm Heil) Aisha (das Wohlgefallen Allahs sei auf ihr) im Alter von 6 Jahren geheiratet haben soll und im Alter von 9 Jahren die Ehe vollzog, den Propheten (Gott segne ihn und gebe ihm Heil) hier als Pädophilen hinstellend. Gott allein weiß, wie viele Leute dieser sogenannte Hadith vom Islam abgeschreckt hat und wie viel Leid dadurch verursacht wurde!

Bei anderen Hadithen ist es extrem schwierig, sie noch mit dem gesunden Menschenverstand erklären zu können, wie beispielsweise den Hadith, dass wir Geckos töten sollen, weil die in das riesige Feuer geblasen hätten, in dem Ibrahim (der Friede sei auf ihm) verbrannt hätte werden sollen, was man bei Bukhari, ibn Majah und anderen findet. Selbst Salafis sehen dies ein und schreiben auf einer ihrer Webseiten: "Die wahrscheinlich korrekteste Ansicht in dieser Hinsicht ist, dass diese Version des Hadith nicht authentisch als Marfu'-Hadith überliefert ist, der direkt dem Propheten (Gott segne ihn und gebe ihm Heil) zugeschrieben wird. Tatsächlich stammt die Aussage: "Es blies (ins Feuer) auf Ibrahim a.s." von Ibn Jurayj und nicht vom Propheten (Gott segne ihn und gebe ihm Heil). Obwohl diese Aussage in anderen Hadith-Büchern als den beiden Sahih-Büchern dem Propheten (Gott segne ihn und gebe ihm Heil) zugeschrieben wird, sind diese Überlieferungen nicht authentisch."

Salafis selbst meinen also, manche Hadithe in den einschlägigen Werken wären wohl nicht authentisch! Allerdings beeilen sie sich hinzuzufügen: "Auf jeden Fall widerspricht diese Version des Hadith nicht der Vernunft, wie einige schwachsinnige Menschen, die darauf aus sind, die Hadithe mit ihren fehlerhaften Meinungen in Frage zu stellen, vielleicht argumentieren mögen. Das Einzige, was untersucht werden muss, ist, ob diese Hadithe authentisch sind oder nicht, und nicht, ob sie der Vernunft widersprechen oder nicht. Warum sollte es keinen Sinn ergeben, dass der Gecko ins Feuer geblasen hat?"

Dumme Frage! Natürlich widerspricht diese Version der Vernunft! Erstmal wird sich kein kleiner Gecko einem riesigen Feuer nähern können, um dort hineinzublasen, und selbst wenn es ein paar Geckos versucht haben sollten, warum sollten dann tausende Generationen von nachfolgenden Geckos dafür schuldig gemacht werden?

Deswegen macht es ja gerade Sinn zu untersuchen, ob die Version authentisch ist. Und mit welchem Argument sollte es nur gestattet sein, die Überlieferungsketten des Hadith (isnad) mit dem Intellekt zu untersuchen, und nicht auch den Text (matn) selbst? Den soll man ungefragt übernehmen, wenn man nicht schwachsinnig, irregeleitet oder gar ungläubig genannt werden möchte? Diese abstruse, extreme Sichtweise resultiert daraus, dass man glaubt, die menschengemachte Methodik der Hadith-Untersuchung wäre quasi vollkommen. Und ja, da haben die Koranisten Recht: das bedeutet, den Hadith gewissermaßen dem Koran ebenbürtig zu machen.

So haben Wir euch zu einer ausgewogenen Nation gemacht... [al-Baqarah 143]

Ausgewogen bedeutet, bei der Suche nach Wahrheit sowohl Koran als auch Hadith zu benutzen, als auch den Intellekt, als auch Inspiration und Intuition, als auch Allgemeinwissen und Erfahrung - kurz, alle Fähigkeiten und alles Licht, was Allah den Menschen zur Verfügung stellt, dabei stets Seine Leitung erbittend und Sein Buch als oberste Richtschnur nehmend.

Und Allah leitet, wen Er will.

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