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Was ist Tasawwuf?
Gekürzter Text aus den Schriften von Maulana Ashraf Ali Thanvi
"Wahrlich,
derjenige, der sein Herz 'gereinigt' hat, ist erfolgreich und derjenige,
der es beraubt hat (von seiner Menschlichkeit) ist verloren".
Viele Menschen
haben ein falsches Verständnis von Tasawwuf. Viele denken, dass es
etwas ist, was über den Qur'an und die Sunnah hinausgeht. Falschgeleitete
Sufis, genauso wie oberflächliche (auf das rein äußerlich
bedachte) Ulema (islamische Gelehrte) halten an einem falschen Begriff
fest, obwohl beide Gruppierungen sich am ganz entgegengesetzten Ende des
(islamischen) Spektrums bewegen. Die Folgen sind, daß die erste
Gruppe den Qur'an und die Sunnah vernachlässigt und die zweite Gruppierung
den Begriff "Tasawwuf" meidet. In der Tat ist es so, dass der
Begriff "Tassawuf", wie viele andere religiöse Begriffe
heutzutage, später entstand und dennoch ist diese Disziplin Teil
der Scharia (islamisches Recht).
Das Gebiet
der Scharia, welches sich auf äußere Handlungen konzentriert,
wie Salah (Gebet) und Zakah (Almosenabgabe), nennt man Fiqh. Wohingegen
der Bereich, der sich mit inneren Gefühlen und Ebenen des Herzens
beschäftigt, Tasawwuf genannt wird. Beide Bereiche werden vom Qur'an
vorgeschrieben. Daher wird das Salah und die Zakah vorgeschrieben, aber
genauso wird im Qur'an Dankbarkeit und Liebe zu Allah verlangt und das
Böse von Stolz und Eitelkeit verurteilt. Ählich ist es in den
Hadithsammlungen, man findet Kapitel über Ibadah(1), Handel
und Kommerz, Heirat und Scheidung, aber auch Kapitel über Riya(2),
Takkabur(3), Akhlaq(4) usw. Diese Angelegenheiten
sind genauso verpflichtend, wie diejenigen, die sich mit äußeren
Handlungen beschäftigen.
Durch tieferes
Nachdenken wird man erkennen, daß die äußeren Handlungen
geschaffen wurden, um das Herz zu bessern. Das ist der Grundstock für
den Erfolg im Jenseits, wohingegen deren Vernachlässigung in totaler
Zerstörung endet. Das ist genau das, was man unter Tassawuf versteht.
Der Fokus richtet sich auf Tahzibi Akhlaq oder die Verfeinerung des Charakters.
Das Ziel darin liegt in dem Erwerb des göttlichen Wohlgefallens.
Die Methode dazu ist der vollständige Gehorsam gegenüber den
Anordnungen der Scharia.
Tassawuf
ist die Seele des Islam. Die Funktion liegt darin, das Herz von den tierischen
Eigenschaften der Lust, von den katastrophalen Folgen der Zunge, der Wut,
der Boshaftigkeit, der Liebe zur diesseitigen Welt, der Liebe zu Ruhm,
der Gier, des Geizes, des Protzes, der inneren Leere, des Betrügens
usw. zu reinigen. Gleichzeitig wird versucht, das Herz mit den Merkmalen
der Reue, Standhaftigkeit, Dankbarkeit, Furcht vor Allah, Hoffnung, Enthaltung,
Tauhid(5), Vertrauen, Liebe, Aufrichtigkeit, Wahrheit, Nachsinnen
usw. auszuschmücken.
Zur Diagnose
und Behandlung der Krankheiten des Herzens wird normalerweise die Hilfe
eines Fachmanns oder Shaikhs benötigt. Hier sind einige Eigenschaften,
die einen Shaikh auszeichnen:
1. Er besitzt
das notwendige religiöse Wissen.
2. Sein Glaube und sein Handeln bewegen sich im Rahmen der Scharia.
3. Er strebt nicht nach weltlichem Reichtum.
4.
Er hat selbst eine gewisse Zeit bei einem guten Shaikh gelernt.
5. Die Gelehrten und Shaikhs aus seiner Zeit haben eine gute Meinung über
ihn.
6. Seine "Bewunderer" sind hauptsächlich Personen, die
selbst ein gutes Verständnis von der Religion haben.
7. Die Mehrzahl seiner Anhänger folgt der Scharia und strebt nicht
nach der diesseitigen Welt.
8. Er versucht aufrichtig seine Anhänger auszubilden und sie moralisch
voranzubringen. Wenn er an ihnen etwas Falsches entdeckt, versucht er,
dies zu verbessern.
9. Wenn man in seiner Begleitung ist, fühlt man ein Abnehmen in der
Liebe zu dieser Welt und eine Zunahme in der Liebe zu Allah.
10. Er macht selbst regelmäßig Dhikr und Shughal (spirituelle
Übungen).
Wenn du nach
einem Shaikh suchst, dann achte nicht darauf, ob er Karamat (Wunder) vollbringen
oder die Zukunft vorhersagen kann. Ein sehr guter Shaikh ist nicht in
der Lage, Wunder zu vollbringen. Im Gegensatz dazu muß eine Person
die Karamat vorzeigt, nicht unbedingt fromm oder Muslim sein. Der bekannte
Sufi Bayzid Bistami sagte: "Laß dich nicht täuschen, wenn
du jemanden siehst, der übernatürliche Leistungen vollbringt,
wie (z.B.) in der Luft zu fliegen, sondern bewerte ihn nach den Standards
der Scharia".
Sobald du
den richtigen Shaikh gefunden hast und du zufrieden bist mit seiner Fähigkeit
spirituelle Führung zu geben, dann leg die Baya(6) ab.
Das ist eine zweifache Verpflichtung: Der Shaikh verpflichtet sich, dich
im Lichte der Scharia zu führen und du verpflichtest dich, ihm zu
folgen. Daraufhin wird der Shaikh seinem Murid (Schüler) erste Anweisungen
geben. Diese beinhalten das Folgende:
1. Bereue
all die vergangenen Sünden und unternimm Schritte, diese (die Sünden)
zu ändern, z.B. wenn man ein Gebet versäumt hat, dann beginne
es nachzuholen.
2. Falls du ungeklärte finanzielle Verpflichtungen gegenüber
einer anderen Person hast, dann versuche diese zu begleichen.
3. Hüte deine Augen, Ohren und Zunge.
4. Mach regelmäßig Dhikr.
5. Beginne damit, dich jeden Tag selbst zu beurteilen, bevor du zu Bett
gehst. Überdenke noch mal die guten und schlechten Taten, die du
während des Tages gemacht hast. Bereue die schlechten Taten und danke
Allah für die guten Taten.
6. Denke in jeder Nacht über den Tod nach (muraqaba maut) bevor du
zu Bett gehst. Stell dir vor, daß du gestorben bist. Denke über
den Augenblick des Sterbens, die Befragung im Grab, die Ebene der Wiederauferstehung,
die Anwesenheit vor dem Gericht Allahs usw. nach.
7. Entwickle Demut. Sogar wenn du eine andere Person siehst, welche die
schlimmsten Laster begeht, dann verachte sie nicht, noch betrachte dich
selbst als besser. Es ist sehr gut möglich, daß der Lasterhafte
aufrichtig bereut, wohingegen derjenige, der den Sünder verachtet,
selber in die Falle des Nafs(7) und des Shaitan gerät.
Man hat keine Garantie darüber, wie das Ende eines jeden aussieht.
Deshalb gibt es keinen Grund, den Anderen mit Verachtung zu betrachten.
Die Grundidee des Tahzibi Akhlaq besteht darin, die natürlichen Kräfte
in ein Gleichgewicht zu bringen. Die drei grundlegenden Geisteskräfte
sind Zorn, Begehren und Intelligenz.
Zorn:
Sobald er (der Zorn) in einem Gleichgewicht ist, führt dies zu Tapferkeit,
Nachsicht, Standhaftigkeit, der Fähigkeit, seinen Zorn zu beherrschen
und Würde. Im Übermaß vorhanden führt dies zu Unüberlegtheit,
Angeberei, Stolz und die Unfähigkeit den Zorn zu beherrschen. Ein
Mangel führt zu Feigheit, Demütigung und zum Gefühl von
Minderwertigkeit.
Begehren:
Ein Gleichgewicht führt zu Keuschheit, Großzügigkeit,
Haya (Anstand), Geduld und Zufriedenheit. Im Übermaß vorhanden
führt dies zu Gier und Lust. Das andere Extrem endet in Engstirnigkeit
und Schwäche.
Intelligenz:
Im Gleichgewicht führt es einen Menschen zu Weisheit, Scharfsinnigkeit
und großer Einsicht. Ein Übermaß kann zu Irreführung,
Betrügereien und Schwindeleien führen(8). Ein Mangel
führt zu Ignoranz und Dummheit mit der Konsequenz, daß eine
solche Person schnell auf den falschen Weg gerät.
Eine Person
wird als mit einem schönen Charakter ausgestattete Person betrachtet,
wenn alle diese Kräfte sich im Gleichgewicht befinden. Die innere
Schönheit unterscheidet sich bei den Menschen, genauso wie die äußere
Schönheit. Derjenige, der den besten Charakter besaß war der
Prophet Muhammad (s.a.w.). Die Schönheit seines Charakters ist mit
seiner Biographie (Sirah) verbunden.
(Aus dem Englischen übersetzt)
Anmerkungen
des Übersetzers (Abu Bakr Stark)
In diesem
Text sind sehr viele arabisch-islamische Fachbegriffe. Teilweise habe
ich sie kurz in Klammern erläutert. Allerdings sind bei manchen Wörtern
längere Erklärungen nötig.
1. Ibadah sind von Allah vorgeschrieben "gottesdienstliche"
Handlungen, die jeder Gläubige machen muß: z.B. das fünfmal
tägliche Gebet, die Pilgerfahrt nach Mekka usw.
2. Riya bedeutet, daß man eine Handlung macht, um andere Menschen
zu beeindrucken oder deren Wohlgefallen zu bekommen. Z.B. eine Person
betet, um andere Menschen zu beeindrucken, wesentlich länger, als
sie es normalerweise machen würde.
3. Unter Takkabur versteht man eine besondere Art des Stolzes. Z.B. kann
dies dazu führen, daß man ein Problem damit hat, ein Diener
Gottes zu sein. Oder man denkt, daß man nicht mehr die Hilfe Allahs
benötigt.
4. Akhlaq ist die ethische und moralische Erziehung, um einen besseren
Charakter zu bekommen.
5. Tauhid bedeutet, daß es nur einen Gott gibt. Einige Gelehrte
unterscheiden 3 Formen von Tauhid: 1) Tauhid Ar Rububiyya, darunter versteht
man, daß es nur einen einzigen Gott gibt. 2) Tauhid Al Ibadah: man
macht Ibadah nur um Allahs Willen, z.B. im Bittgebet wendet man sich nur
an den Einen Gott. 3) Tauhid Al Asma wa Sifaat: Man erkennt alle Namen
und Eigenschaften Allahs an.
6. Dies ist eine Art Gelöbnis indem man gelobt dem Shaikh zu folgen.
7.
Unter Nafs versteht man eigentlich die Seele. Da es darüber ganze
Bücher gibt, will ich hier nur eine Definition von Nafs geben:"...die
Seele ist eine nicht-physische Einheit, deren genaues Studium über
die Möglickeiten der weltlichen Wissenschaften hinausgeht.... Zu
den wichtigsten Eigenschaften gehört, daß sie das Potential
hat entweder gut oder böse zu sein..." (Zarabozo: Purification
of the Soul, Denver 2002: page 68). In unserem Text bezieht sich Nafs
auf die bösen Elemente in uns.
8. Gemeint ist nicht, daß die Intelligenz schlecht ist, sondern
daß man diese ausnutzt, um Anderen zu schaden.
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