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Warum einem Madhhab folgen?
von Frank Abdullah Bubenheim
Ein
Madhhab ist ein komplexes Gebilde, an dem Generationen von Gelehrten
gebaut haben, um immer kompliziertere Fragen zu lösen, wobei
sie verschiedene Grundrichtungen eingeschlagen und verschiedene
Prinzipien angewandt haben. Meines Wissens ist der schafi´itische
Madhhab sehr nahe an dem, was man als Fiqh as-Sunna bezeichnen kann.
Allerdings gibt es auch hier einige Dinge, die ich nicht befürworte,
und Regeln deren Befolgung einem unnötige Härten auferlegen.
So sollte z.B. die Klassifizierung derjenigen Tiere, deren Genuß
erlaubt, verwerflich oder verboten ist, die rituell rein oder unrein
sind, völlig neu, an den modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen
orientiert erfolgen.
Im
Arabischen wird für "Reißzahn" und "Stoßzahn"
dasselbe Wort verwendet, was dazu geführt hat, daß der
Elephant von den Schafi´iten als unrein betrachtet wird, was
bedeutet, daß der Genuß seines Fleisches verboten ist
(obwohl es sich um einen reinen Pflanzenfresser handelt), und daß
ein Stück von ihm, z.B. von seinen Stoßzähnen, ein
Stück Elfenbein, als rituell unrein betrachtet wird. Dieser
Meinung kann ich mich nicht anschließen. Jemandem, der nicht
die rituelle Reinheit besitzt, ist es bei ihnen nicht nur nicht
erlaubt, ein Qur'an-Exemplar zu berühren, sondern sogar das
Pult, auf dem es liegt.
Andererseits
bin ich, wie die meisten selbst in der Schari´a bewanderten
Muslime, kein Mudschtahid. Viele der auftretenden Fragen kann man
nicht aus dem Stehgreif oder auch nur in kurzer Zeit lösen.
Handelt es sich z.B. um eine Frage, die das Gebet betrifft, so kann
es sein, daß man Tage braucht, um eine Antwort zu finden,
während das nächste Gebet bereits in wenigen Minuten fällig
sein kann. Also sollte man wenigsten einen der anerkannten Madhahib
als Basis haben, von der aus man sich in Einzelfällen auch
anderswohin begeben kann, und zu der man sich im Zweifelsfall immer
wieder zurückbegeben kann.
Selbst
Scheich Nuh, der die Meinung vertritt, daß man einem der anerkannten
sunnitischen Madhahib angehören sollte, da man sonst "einen
Mercedes für ein Go-Kart eintauscht", weil man nicht einfach
nur nach einem Auto verlangen kann, sondern eine bestimmte Marke
nennen muß, gesteht seinen Schülern zu, in Bereichen,
die sich nicht überschneiden, wie z.B. rituelle Reinheit und
Gebet, auf andere Madhahib zurückzugreifen, um unnötige
Härten zu vermeiden. So ist z.B. bei den Schafi´iten
das Lab zur Herstellung von Käse, das aus dem Magen von Kälbern
gewonnen wird, rituell unrein, wenn das Tier nicht islamisch geschächtet
worden ist, und damit auch der Käse, weil er mit dem Lab in
Berührung gekommen ist. In Ländern, wo die meisten tierischen
Nahrungsmittel für Muslime wegen ihrer Unreinheit verboten
sind, und der Genuß von Käse eine Ausweichmöglichkeit
darstellt, bedeutet dies eine besondere Härte. In diesem Fall
kann man die Regel der hanafitischen Schule anwenden, wonach solcher
Käse nicht unrein ist und gegessen werden darf.
Nach
der schafi´itischen Schule kommt das Nâfila-Gebet nach
dem Tasbîh, bei den Hanafiten ist es umgekehrt. Bete ich als
Schafi´it in einer hanafitischen Moschee und ziehe den Tasbih
vor, während die Hanafiten Nafila beten, und bete Nafila, während
sie mit Tasbih beschäftigt sind, dann stört das einfach,
und das sollte man vermeiden. Der Imam in unserer Moschee, der Sohn
des bekannten syrischen Gelehrten Dr. Sa´id Hawwa, sagt von
sich selbst, er sei Hanafit (sein Fachgebiet ist hanafitischer Fiqh)
und leitet die Leute im Gebet nach der schafi´itischen Schule,
weil sie die hier in Jordanien am meisten verbreitete ist.
"Zurück
zu den Ursprüngen", aber so einfach ist das eben nicht,
da, wenn man lediglich Qur'an und Sunna heranzieht, sehr viele Fragen
offenbleiben, weil dazu nichts vom Propheten - Allah segne ihn und
gebe ihm Heil - überliefert ist. Eben deshalb haben die Gelehrten
der Madhahib auf andere Grundlagen zurückgegriffen, wie Konsens,
Analogieschluß u.ä. Bei vielen, wenn nicht den meisten
Meinungsverschiedenheiten der Gelehrten beruhen diese nicht darauf,
ob ein bestimmtes Hadith stark oder schwach ist, sondern darauf,
was aus seiner Aussage zu verstehen ist.
Es
gibt auch Hadithe, die ein bestimmtes Handeln des Propheten - Allah
segne ihn und gebe ihm Heil - ganz unterschiedlich beschreiben.
Hat er im Gebet z.B. die Hände auf der Brust übereinandergelegt
gehalten oder an der Seite herunterhängen lassen. Beides ist
von ihm überliefert. Wann hat er sie dann mal so und mal anders
gehalten? Wenn man hier jeder Detailfrage genau nachgehen wollte,
um in dem, was frühere Gelehrte bereits untersucht haben, wieder
ganz von neuem Idschtihad zu betreiben, würde ein Menschenleben
gar nicht ausreichen. Wohl aber sollte man die Madhahib von unnötigem
Balast berfreien, wie von solchen Erschwernis bereitenden Regeln,
die weder auf Qur'an noch Sunna fußen.
So
beten die (strengen) Hanafiten zu jedem Freitagsgebet mit Nafila
auch noch das normale Mittagsgebet mit allen Nafila-Rak´as,
weil es in ihrem Madhhab heißt, daß das Freitagsgebet
vielleicht nicht gültig sein "könnte", wenn
kein Imam, also kein Oberhaupt eines wirklich islamischen Staates
da ist. Für diese Regelung gibt es keinerlei Hinweis im Qur'an
und der Sunna, und die Leute erlegen sich damit etwas auf, was Allah
ihnen überhaupt nicht auferlegt hat. Ich meine, daß man
in dieser Frage keinen Zweifel zu Grunde legen darf: entweder ist
das Freitagsgebet gültig, und man verrichtet nur es, oder es
nicht nicht gültig, und man verrichtet anstatt seiner nur das
normale Mittagsgebet. Aber solch ein "vielleicht" und
"könnte sein oder auch nicht" kommt vom Schaitan.
Andererseits
muß man auch vorsichtig sein, ob solch eine Regel, die (offensichtlich)
keine Grundlage im Qur'an und der Sunna hat, nicht doch berechtigt
ist. Aber wie soll der durchschnittliche Muslim das entscheiden?
Also muß er sich doch wieder der Meinung eines ihm vertrauenswürdigen
Gelehrten anschließen. Aber wer ist vertrauenswürdig?
Alle machen sie Fehler, weil das zur Natur des Menschen gehört,
einige weniger, andere mehr, einige leichtere, andere schwerwiegendere.
Man kann die Feststellung machen, daß der (nicht wirkliche) Salafismus darauf ausgelegt ist, die gottesdienstlichen Handlungen (´ibâdât) auf ein Mindestmaß zu reduzieren, weil alles, was darüber hinaus geht, als Bid´a diffamiert wird. Wer jedoch die Sunna genau studiert, wird feststellen, daß Allahs Gesandter Allah segne ihn und gebe ihm Heil gar nicht so engstirnig und hartherzig war, wie die angeblichen (nicht echten) Salafis (mutasallifûn) ihn sehen möchten. Wenn jemand in seinem Bittgebet (du´â) ein paar Worte gegenüber dem von ihm Allah segne ihn und gebe ihm Heil vorgegebenen Wortlaut hinzufügte oder veränderte, mißbilligte er dies nicht gleich als Bid´a, sondern hieß es gut und freute sich darüber, wenn seine Gefährten nicht alles blind nachmachten oder nachplapperten, sondern auch Eigeninitiative entwickelten, die in dem (weiten) Rahmen seiner Sunna lag! Als Studenten der Islamischen Universität waren wir (dummerweise) stolz darauf, in der Propheten-Moschee vor dem Freitagsgebet keine zwei Sunna-Rak´as zu beten wie die anderen Muslime, sondern stattdessen demonstrativ sitzenzubleiben und auf die Leute herumzublicken. Heute bereue ich es, diese Gelegenheiten für zusätzliche ´Ibâdât nutzlos verstreichen haben zu lassen. Auch wenn es keine explizite Sunna sein mag, zwei Rak´as beim Warten auf den zweiten Adhân zum Freitagsgebet zu verrichten, weil das nicht so vom Propheten Allah segne ihn und gebe ihm Heil überliefert ist, so ist es doch besser und damit auch im allgemeinen Rahmen der prophetischen Sunna, die Wartezeit mit irgendeiner Art von ´Ibâda auszufüllen, anstatt seiner Nafs mit dummen Gedanken oder Herumschweifenlassen der Blicke freien Lauf zu lassen.
Ein weiterer Aspekt ist derjenige, daß andere einen zuerst danach beurteilen, wie man sich ihnen gegenüber benimmt und wie man sie behandelt (adab). Dagegen lautet das Schlagwort der Salafis: Die Glaubenslehre zuerst al-´aqîda auwalâ; man kann aber niemanden für den Islam und keinen Muslim für seine Glaubensrichtung gewinnen, wenn man sich ihm gegenüber falsch verhält und ihn schroff und hart behandelt und andere Muslime schmäht, nur weil sie nicht seiner eigenen Richtung angehören. Da nützt es einem gar nichts, wenn man (vermeintlich) die richtige Glaubenslehre hat! Eben, weil die meisten Sûfî-Scheichs auf diesen Adab und den liebenswürdigen und herzlichen Umgang mit am Islam Interessierten großen Wert legen und von den neuen Muslimen nichts verlangen, was für sie am Anfang eine zu große Belastung sein und sie vom Islam zurückschrecken lassen könnte, haben sie solch großen Zulauf, auch wenn nicht wenige von ihnen Scharlatane sind und ihren Schülern die gröbste Bid´a als Sunnah des Propheten Allah segne ihn und gebe ihm Heil verkaufen.
Ich bitte, meine gutgemeinte Kritik nicht falsch zu verstehen, und die Salafi-Bewegung hat auch ihre positiven Seiten, wie sie vor allem nachdrücklich zu der unter vielen Gelehrten vernachlässigten Überprüfung der Authenzität von Hadîthen angespornt hat: Wir leben heute im Zeitalter der Salafis, und daher muß jedes Hadîth nachgewiesen werden. Andererseits darf auch die spirituelle Dimension des Islams nicht vernachlässigt werden, und man sollte deren Äußerungen nicht leichtfertig als Bid´a abtun überhaupt ist dieser Begriff von den Mutasallifîn falsch definiert worden , solange sie nicht den weit gespannten Rahmen der prophetischen Sunnah überschreiten.
Der
"Wahhabismus" ist nicht nur ein Rasenmäher, sondern
ein Elephant im Porzenlanladen, der u.a. beschuldigt wird, Terrorismus
zu produzieren, und zumindest die Herzen verhärtet. Ein indischer
Professor erzählte mir, daß sie bei ihnen in Indien unter
dem Druck des Wahhabismus darauf verzichteten, sich nach dem ´Id-Gebet
gegenseitig zu beglückwünschen, die Hände zu geben
und zu umarmen. Beim folgenden ´Id kehrten sie wieder zu dieser
Gewohnheit zurück, weil sie fanden, daß das so doch besser
wäre. "Die Geister, die ich rief ..." Anstatt den
schafi´itschen Madhhab ganz aufzugeben, sollte er etwas entschlackt
und von unnötigen Balaststoffen befreit werden. Anstatt einen
Mercedes gegen ein Go-Kart einzutauschen, sollte man besser die
schadhaften Teile durch neue vom selben Hersteller ersetzen. Vielleicht
können Leute, wie Sidi Amdjad, Scheich Nuhs Schüler, einmal
große Fiqh-Gelehrte in ihrem jeweiligen Madhhab werden und
ihn reformieren, anstatt ihn niederzutrampeln.
Zurück
zu den Ursprüngen: aber so einfach ist das nicht immer. Der
Prophet - Allah segne ihn und gebe ihm Heil - betete ursprünglich
im Ramadan allein in der Moschee in der Nacht zusätzliche freiwillige
Gebet. In der ersten Nacht kamen einige wenige Leute und schlossen
sich ihm an. Diese erzählten wiederum anderen davon, und in
der zweiten Nacht waren es schon mehr, und in der dritten Nacht
war die Moschee voll. Da wandte sich Allahs Gesandter - Allah segne
ihn und gebe ihm Heil - nach dem Gebet den Leuten zu und sagte:
"Ich habe sehr wohl eure Anwesenheit bemerkt, aber ich wollte
euch nicht etwas auferlegen, was ihr nicht zu tragen vermögt."
Dann betete er diese Tarâwîh-Gebet einmal zuhause, ein
anderes Mal in der Moschee, um den Leuten damit deutlich zu machen,
daß deren Verrichtung nicht Pflicht ist. Der Kalif ´Umar
richtete es später so ein, daß die ersten acht Rak´as
in Gemeinschaft in der Moschee gebetet wurden, anstatt daß
jeder sie für sich allein zuhause betete. Zu welchem ursprünglichen
Handeln wollen wir da zurückkehren? Sollen die Leute diese
Gebete einmal in der Moschee und ein anderes Mal zuhause verrichten
oder nur zuhause? Nach der heute vorherrschenden religiösen
Trägheit und Nachlässigkeit würde letzteres wahrscheinlich
dazu führen, daß die meisten dann die Tarâwîh
überhaupt nicht mehr beten. Hältt man das für richtig,
nur um zum ursprünglichen Handeln des Propheten zurückzukehren?
Ich glaube nicht, daß Allahs Gesandter - Allah segne ihn und
gebe ihm Heil - das gewollt hätte!
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