Gibt es einen freien Willen?
Über
diese Frage haben sich schon Generationen von Philosophen den
Kopf zerbrochen. Auch die Religionen liefern keine eindeutigen
Antworten: Betrachtet man z.B. das Christentum und den Islam,
so ist beiden eigen, dass man wegen seiner freien Entscheidung
wegen entweder in den Himmel oder die Hölle kommt. Gleichzeitig
heisst es aber in der Bibel "nicht du hast mich, sondern
Ich (Gott) habe dich erwählt" und im Koran gibt es folgende
Zitate:
Sprich:
"Ein jeder handelt gemäß seiner eigenen Art, und
euer Herr weiß am besten, wer den rechten Weg geht."
[17.84]
Dies
ist ja nur eine Ermahnung für alle Welten. Für denjenigen
unter euch, der aufrichtig sein will. Und ihr werdet nicht wollen,
es sei denn, daß Allah will, der Herr der Welten. [81:27-29]
Und
hätte dein Herr es gewollt, so hätten alle, die insgesamt
auf der Erde sind, geglaubt. Willst du also die Menschen dazu
zwingen, Gläubige zu werden? Niemandem
steht es zu zu glauben, es sei denn mit Allahs Erlaubnis. Und
Er läßt (Seinen) Zorn auf jene herab, die ihre Vernunft
(dazu) nicht gebrauchen wollen. [10:99-100]
Hier
ein interessanter Artikel aus dem Spiegel dazu, der diese Zitate
und das Paradoxon vielleicht verständlich werden lassen:
HIRNFORSCHUNG
"Das
Hirn trickst das Ich aus"
Neurobiologe
Gerhard Roth und Moraltheologe Eberhard Schockenhoff über
neue Zweifel an der Entscheidungsfreiheit des Menschen, umstrittene
Erkenntnisse der Hirnforschung und die Folgen für das Strafrecht.
Den
freien Willen
halten Hirnforscher zunehmend für eine Illusion. Je genauer
sie die Denkprozesse im Gehirn beobachten, desto mehr kommen sie
zu dem Schluss: Der Mensch wird beherrscht von seinem Unterbewusstsein,
seinen Trieben und seinen Genen - eine Vorstellung, die unser
Rechtssystem erschüttern könnte. Einer der Vorreiter
dieses Paradigmenwechsels ist der Neurobiologe und Philosoph Gerhard
Roth. Der 62-Jährige leitet das Institut für Hirnforschung
der Universität Bremen und untersucht dort Verhalten und
Wahrnehmung des Menschen. In seinem Buch "Fühlen, Denken,
Handeln" hat er in neuer Absolutheit die Existenz des freien
Willens in Frage gestellt. Auf Einladung des SPIEGEL diskutiert
Roth mit dem Philosophen Eberhard Schockenhoff, der an der Universität
Freiburg Moraltheologie lehrt und zugleich Mitglied des Deutschen
Ethikrates ist. In seinen Essays und Buchaufsätzen verteidigt
der 51-jährige katholische Priester die Willensfreiheit als
eigenständige geistige Leistung, die mehr sei als die Aktivität
von Gehirnzellen.
SPIEGEL: Herr Roth, verfügen Brautleute über einen freien
Willen, wenn sie vor dem Traualtar bekunden: "Ja, ich will"?
Roth:
Auch in einem solchen Augenblick ist der Mensch nicht wirklich
frei. Womöglich wird er von psychischen Extrembedingungen
beherrscht: Er ist wahnsinnig verliebt und handelt praktisch im
Affekt. Es kann aber auch sein, dass er sich Fragen gestellt hat:
Heirate ich Frau Müller oder doch lieber Frau Meier? Soll
ich überhaupt heiraten? Dann kann es schon mal zum langwierigen,
quälerischen Hin-und-her-Abwägen Hunderter Argumente
kommen.
SPIEGEL:
Immerhin wäre der Mensch demnach nicht nur seinen Trieben
ausgeliefert. Können sich die Brautleute denn mit kühlem
Kopf frei füreinander entscheiden?
Roth:
Nein, auch das nicht. Die Natur gibt einem nicht die Freiheit
mit, sich für Frau Meier und gegen Frau Müller zu entscheiden.
Experimente zeigen, dass jeder Entscheidung, und halten wir sie
noch so sehr für unseren eigenen Willen, zuvor wichtige Vorentscheidungen
vorausgegangen sind - und zwar unbewusst. Wir bekommen davon überhaupt
nichts mit. Warum sich Herr Müller für Frau Müller
entscheidet, ist für Forscher im Prinzip Schritt für
Schritt nachvollziehbar: Da wären zunächst einmal die
Gene, die das Temperament eines Menschen weitgehend festlegen;
dann prägen frühkindliche Einflüsse spätere
Entscheidungsmuster und schließlich die Erfahrungen aller
Lebensjahre. In einer Hochzeitszeremonie spiegelt sich kein Wille,
der bedingungslos frei wäre.
SPIEGEL: Dann wären Hirnwissenschaftler ja optimale Heiratsvermittler,
wenn sie so genau nachweisen können, wer sich aus welchen
Gründen für wen entscheidet.
Roth:
Nun, dafür ist das Gehirn zu komplex. Ich habe kürzlich
erstmals ausrechnen können, wie viele Neuronen im Gehirn
tatsächlich arbeiten, und bin auf 14 Milliarden gekommen;
diese sind über fast eine Trillion Synapsen miteinander verbunden.
Es wäre deshalb völlig vermessen zu behaupten, wir könnten
vorhersagen, wie es in einem solchen Netzwerk zu einer Entscheidung
wie einer Heirat kommt. Doch im Nachhinein können wir dies
mit entsprechendem Aufwand rekonstruieren.
Schockenhoff:
Da machen Sie es sich zu einfach! Sie reduzieren einen so komplexen
Bewusstwerdungsvorgang wie das Heiratsversprechen auf einen physikalischen
Vorgang, bei denen Nervenzellen elektrische Ladungen abfeuern
- und behaupten dann, die Freiheit, dies oder das zu tun, sei
eine bloße Illusion. Sie verkennen die Fähigkeit des
Menschen, sein Handeln an Gründen zu orientieren und Alternativen
abzuwägen. Im Falle der Ehe geht eine lebensgeschichtliche
Vorbereitungsphase voraus. Doch Sie sehen den Menschen nur als
einen Zufallsgenerator, der verschiedene Bewegungen ausführt.
Roth:
Es lässt sich in Experimenten aber immer besser zeigen, in
welchem Verhältnis diese physiologischen Prozesse mit bewusstem
Erleben zusammenhängen. Dem bewussten Formulieren eines Wunsches,
eines Willens, geht immer ein unbewusster Prozess voraus. Im Gehirn
lassen sich Erregungszustände nachweisen, die eine Handlung
ankündigen - bevor der Mensch sich dessen bewusst ist, dass
er überhaupt handeln will. Das sind empirische Befunde, die
in Hunderten Laboren bestätigt werden. Daran kommen Sie nicht
vorbei.
Schockenhoff:
Sie fragen aber nicht nach den Gründen, die den Menschen
bewegen. Und da machen Sie einen Kategorienfehler. Erinnern wir
uns an ein berühmtes Beispiel aus der Philosophie, von dem
Plato berichtet: Sein Lehrer Sokrates sitzt im Gefängnis
und hätte die Chance zu fliehen. Dennoch entscheidet er sich
dafür, hinter Gittern zu bleiben. Man könnte nach den
Ursachen fragen und antworten: Er bleibt, weil sich seine Knochen
und Sehnen nicht bewegen. In seinem Gehirn war auch keinerlei
Erregungszustand zu beobachten. So ließe sich sein Handeln
als physikalisches Geschehen beschreiben. Ein anderer Ansatz wäre,
dass Sokrates sich als Philosoph der Wahrheit verpflichtet fühlt.
Er möchte seinem Gewissen folgen und die Gesetze des Staates
achten. Das ist eine Antwort, die nach Gründen für sein
Handeln fragt.
Roth:
Das Sokrates-Beispiel gefällt mir gut. Sie sagen, seine Weigerung
zu fliehen, entspringe allein seiner freien Entscheidung. Ich
aber sage, er wäre geflohen, wenn er andere Gene gehabt und
seine Mutter ihn anders erzogen hätte. Mit den Gründen
verhält es sich leider nicht so, wie Plato uns lehren wollte.
In entsprechenden Versuchen können wir sehen, dass Bewusstsein
und Psyche - also Geist - unter bestimmten physikalischen Bedingungen
im Gehirn gebildet werden. Das Gehirn konstruiert, so drücken
wir Neurobiologen es aus, Ich-Zustände. Der Mensch empfindet
dies in diesem Moment als Bewusstseinszustand.
SPIEGEL:
Können Sie das an einem Experiment erklären?
Roth:
Denken wir an ein medizinisches Standardverfahren bei Patienten
mit einem Hirntumor. Da wird das Gehirn freigelegt, und die Mediziner
testen vor der Operation mit Hilfe von Elektroden, welche Funktionen
das umliegende Hirngewebe wahrnimmt. Die Neurochirurgen reizen
das Gehirn mit kleinsten Stromschlägen. Wenn sie dies in
der Sehrinde tun, hat der Patient visuelle Halluzinationen. Bei
Stromimpulsen in anderen Regionen hat er plötzlich den Wunsch,
nach einem Glas zu greifen. Und hinterher schreibt der Patient
diesen unfreiwilligen Handlungen eine Bedeutung zu und unterstellt,
mit Absicht gehandelt zu haben. Das tut er zwangsläufig,
weil die neuronalen Netze im Gehirn unser gesamtes Denken, Fühlen
und Wollen beinhalten.
SPIEGEL:
Der Mensch redet sich also im Nachhinein Gründe ein, warum
er gerade die Hand bewegt hat?
Roth:
In diesem Fall ja. Es hängt allerdings davon ab, wo der Experimentator
die Nervenzellen reizt. Er kann den Willen des Patienten in bestimmten
Regionen vollständig unterlaufen, und dennoch wird der Mensch
angeben, er habe gerade nach dem Glas greifen wollen. Doch es
gibt auch Orte im Gehirn, da kann der Patient nicht mehr erklären,
warum er etwa den Arm bewegt hat. Wenn der Experimentator hingegen
im Rückenmark stimuliert, dann würde der Patient interessanterweise
leugnen, den Arm überhaupt angehoben zu haben.
Schockenhoff:
Ich bezweifle, dass diese Experimente aussagekräftig sind,
weil sie sich nur auf eine einfache Körperbewegung beziehen.
Um mich zu überzeugen, müssten Sie mir Experimente bieten,
bei denen es auch um moralische Entscheidungen geht, in denen
der Mensch abwägen muss, sich gar umentscheiden könnte,
nachdem er das Für und Wider bestimmter Argumente bedacht
hat. Ihre Experimente suggerieren, alles menschliche Handeln verlaufe
allein von neurobiologisch einfachen Zuständen zu komplexen
Bewusstseinszuständen, und wir müssten diese Zustände
nur genau genug kennen, dann könnten wir sie voraussehen.
Roth:
Da widerspreche ich. Denn die unbewussten Vorgänge legen
ja nicht bis ins kleinste Detail fest, wie in den bewussten Hirnschichten
entschieden wird. Im Gegenteil: Bestimmte Probleme, die unbewusste
Hirnregionen nicht sofort lösen können, hebt das Gehirn
gewissermaßen vorsätzlich in die Sphäre des Bewusstseins,
des Geistes. Schwierige Entscheidungen werden der Großhirnrinde
als einem Abwägegremium vorgelegt, einer Art Jury.
SPIEGEL:
Sie sagen aber auch, um im Bild zu bleiben, dass es in diesem
Debattierclub einen Chef gibt, der auf den Tisch haut und bestimmt,
wo es langgeht: das limbische System, das die menschliche Gefühlswelt
steuert.
Roth:
Richtig. Das limbische System hat bei der Handlungssteuerung das
erste und letzte Wort. Zwischendurch kommt der große Auftritt
von Verstand und Vernunft. Doch die sind nur Berater. Ausschlaggebend
für Entscheidungen sind die Erfahrungen, die Gefühle,
Hoffnungen, Ängste, die einen Menschen im Laufe seines Lebens
geprägt haben und sein Verhalten bestimmen.
Schockenhoff:
Sehen Sie, bei Ihnen trickst das Gehirn das Ich aus! Sie sehen
den Menschen immer nur von ganz unten, vom kleinsten physikalischen
Prozess aus. Aber Sie müssen auch von oben beginnen, von
seiner Bestimmung und seinem spezifischen Wesen her denken. Es
ist die Aufgabe des Menschen, rationale Gründe zu erkennen,
abzuwägen und danach sein Handeln auszurichten. Aus religiöser
Sicht ist der freie Wille ohnehin Voraussetzung menschlicher Existenz:
Gott hat den Menschen nicht als Marionette, sondern als Partner
erschaffen. Er will seine freie Gegenliebe, keinen willenlosen
Gehorsam. Zu Weihnachten, am Fest der Menschwerdung Gottes, gedenken
die Christen der Erlösung aus Unfreiheit und Angst. Die zentralen
Glaubensaussagen setzen die menschliche Freiheit also voraus.
Roth:
Natürlich kann man das so sehen - doch religiöse Aussagen
sind nicht zu beweisen und stehen jenseits der Wissenschaft.
Schockenhoff:
Aber wie wollen Sie ohne freien Willen das Phänomen der Liebe
erklären? Oder Vergebung? Wenn einer Unrecht, das ihm widerfahren
ist, vergibt - wie sollte er das tun, wenn nicht aus freiem Willen?
Im Zentrum von Zwischenmenschlichkeit stehen doch nicht irgendwelche
limbischen Systeme.
Roth:
Sie sind nun einmal die Grundlage unserer Empfindungen. Jeder
psychischen Entwicklung des Menschen geht neuronales Geschehen
voraus. Das Ich-Bewusstsein, das Wahrnehmen des eigenen Ichs,
vollzieht sich beim Kleinkind in dem Maße, in dem sich das
Gehirn entwickelt und die vielfältigen Einflüsse seiner
Umwelt aufnimmt. Es existiert nicht für sich allein. Und
wenn ein Kind Kompetenzen wie Vernunft oder Abwägen nicht
lernt, dann mangelt es ihm auch als Erwachsener daran.
Schockenhoff:
Sie schauen dem Hirn ja nur von außen bei seiner Aktivität
zu und versuchen so, die Entstehung dieser inneren Welt zu beobachten.
Das ist ein Widerspruch in sich. Ihre Zunft rast gerade auf einer
Einbahnstraße dahin!
Roth:
Sie behaupten Dinge, die ich nie gesagt habe. Auch ich erkenne
an, dass die psychische Dimension nicht allein von den Neurowissenschaften
erklärt werden kann. Aber: Mal angenommen, ich manipulierte
an Ihrem Gehirn herum, und Sie würden erleben, dass Sie den
Arm heben. Und Sie würden mir gleichzeitig erklären,
Sie handelten freiwillig. Dann würden Sie einen Moment von
Freiheit erleben - ein unfreiwilliges Gefühl von Freiheit.
Schockenhoff:
Der Fehler beginnt doch damit, dass Sie ständig nur vom Gefühl
der Freiheit sprechen. Sie müssten einmal fragen, wie die
Wirklichkeit der Freiheit entsteht. Nämlich durch Selbsterziehung
und die Erziehung von Eltern oder der Schule. Freiheit ist ein
sittlicher Auftrag und keine empirische Eigenschaft. Sie steht
jenseits naturwissenschaftlicher Methoden.
Roth:
Aber woher hat der Mensch diese eigenständige Freiheit? Es
ist unbefriedigend, bloß zu behaupten, der Geist agiere
außerhalb der Naturgesetze - zumal sich im Rahmen des Naturgeschehens
alle Entscheidungen von Menschen erklären lassen.
Schockenhoff:
Ich bleibe dabei, dass es eine Wirklichkeit gibt, die sich mit
Ihren Methoden nicht angemessen erfassen lässt. Wenn ich
ein Gemälde wissenschaftlich analysiere, die Farbzusammensetzung,
seinen Aufbau, dann erklärt mir das noch lange nicht den
Genuss, den die Ästhetik des Bildes bereitet.
Roth:
Erfahrungen wie Ästhetik, Liebe und Zuneigung haben eben
auch ihre Entsprechungen im Gehirn. Das Geistige ist ein natürlicher
Zustand unserer Welt - auch wenn es mehr ist als das bloße
"materielle" Feuern von Neuronen. Es ist vergleichbar
mit dem Licht: Auch Licht ist nicht reduzierbar auf die Gesetze
der Festkörperphysik. Und doch gehört es als masseloses
Phänomen zur physikalischen Welt.
Schockenhoff:
Anders als das Licht handelt der Mensch aber. Sie wollen absichtsvolles
Handeln rein physikalisch erklären. Das lässt sich nicht
gleichsetzen.
Roth:
Auch absichtsvolles Verhalten ist mit den Gesetzen der natürlichen
Welt erklärbar. Es gibt Zentren im Gehirn, die aktiv sein
müssen, damit man etwas will und sich frei fühlt. Dort
laufen Planungs- und Abwägungsprozesse zusammen. Reizt man
solche Zentren im Experiment, fühlt sich der Mensch frei.
Das Gehirn hat gelernt: Wenn dieses Zentrum aktiv ist, sind dem
viele Abwägungsprozesse vorhergegangen.
SPIEGEL:
Sie rütteln ganz schön am Kantschen Bild vom aufgeklärten
Menschen. Dabei ist die Idee des freien Willens die Grundbedingung
für unser Rechtssystem. "Der innere Grund des Schuldvorwurfs",
so definiert es der Bundesgerichtshof, "liegt darin, dass
der Mensch auf freie, verantwortliche, sittliche Selbstbestimmung
angelegt und deshalb befähigt ist, sich für das Recht
und gegen das Unrecht zu entscheiden."
Roth:
Es ist in der Tat eine der wichtigsten Fragen des Rechts, wann
ein Mensch aus freien Stücken handelt und wann nicht. Unsere
Rechtsprechung baut auf der Prämisse auf, dass ein Täter
unter identischen Bedingungen anders hätte handeln können
- wenn er nur gewollt hätte. Wenn aber Zweifel angebracht
sind, dass der Mensch in diesem ontologischen Sinn einen freien
Willen hat, würde das eigentlich bedeuten: Im Zweifel für
den Angeklagten. Also könnte niemand verurteilt werden. So
ließe es sich theoretisch betrachten.
Schockenhoff:
Wenn ohnehin nur Gene und Lebensumstände über die Taten
eines Menschen bestimmen, dann ließe sich ja argumentieren,
jemand wie Hitler könne nicht zur Verantwortung gezogen werden.
Das können Sie nicht im Ernst meinen!
Roth:
Hitler hat nach den Maximen seiner kranken Psyche gehandelt. Sie
hat ihm sein Tun diktiert. Das ändert natürlich nichts
daran, dass Täter verurteilt werden müssen. Es gibt
eine Definition von Freiheit, die zum Strafrecht und zu den Gesetzmäßigkeiten
der Neurowissenschaften passt: Es ist eine Art praktische Freiheit
- und die bleibt unberührt von der Frage, ob der freie Wille
eine Illusion ist. Auf dieser Freiheit fußt unser Gesellschaftssystem.
Sie erlaubt dem Menschen, im Sinne der Aufklärung vernünftig
und verantwortungsvoll zu handeln. Dazu braucht er offenbar die
Vorstellung, er habe einen freien Willen. Er muss sich frei fühlen
und das Gefühl haben, er verwirkliche sich selbst, könne
Vernunft walten lassen und Alternativen und Argumente abwägen.
Dazu darf er weder psychisch noch physisch unter Zwang stehen.
Schockenhoff:
Das klingt nach einer zynischen Gebrauchsanleitung.
Roth:
Keinesfalls. Praktische Freiheit ist gefühlte Freiheit. Sie
entwickelt sich über gesellschaftliche Konzepte - und damit
über Bildung und Erziehung. Deshalb haben andere Gesellschaften
auch ein anderes Verständnis von Freiheit und Recht. Um nicht
in Diktatur und Unterdrückung zu enden, muss eine Gesellschaft
ihre Kinder im Sinn dieser praktischen Freiheit erziehen. Nur
so lernen Menschen, was wir gemeinhin freien Willen nennen: die
Fähigkeit, ohne Zwang abzuwägen und zu entscheiden.
Wichtig ist aber auch, dass andere ihm das Gefühl von Freiheit
vermitteln.
Schockenhoff:
Das verstehe ich nicht. Die anderen können mir ja niemals
nachweisen, dass ich mich frei fühle. Die erliegen ja selbst
nur der Illusion des freien Willens. Dann teilen wir gemeinsam
eine große Illusion. Was bringt uns das?
Roth:
Die äußere Perspektive der Freiheit ist psychologisch
wichtig. Sie unterstellt dem Gegenüber Handlungsalternativen.
Der Mensch fühlt sich erst frei, wenn andere ihm die Freiheit
zuschreiben.
Schockenhoff:
Das ist Wortklauberei. Sie retten den freien Willen nicht, wenn
Sie aus ihm nur ein soziales Konstrukt machen.
Roth:
Aber er ist ein Konstrukt. Weil es sich im Prinzip lückenlos
nachvollziehen lässt, wenn sich ein Mensch von 5000 Möglichkeiten
für Alternative 276 entscheidet. Wäre das nicht so,
gäbe es so etwas Schnödes wie Marktforschung nicht.
Scharen von Psychologen ordnen bestimmte Produkte in bestimmter
Weise so an, dass die Leute wie besinnungslos einkaufen. Und dann
meint Herr Müller, er habe freiwillig die Schuhe erworben,
die in einem bestimmten Regal auf Augenhöhe standen. Dabei
brauchte er bloß eine Zahnbürste. Der ganze kapitalistische
Markt baut darauf auf, dass der Mensch unbewusst zu bestimmten
Handlungen zu verführen ist und sich dabei noch frei fühlt.
Schockenhoff:
Und dann kommen Sie, Herr Roth, und erklären dem Herrn Müller,
dass Sie seine Unfreiheit durchschaut haben. Aber genau durch
diese Erkenntnis helfen Sie ihm, sich von solchen unbewussten
Entscheidungen unabhängig zu machen. Der Mensch ist also
doch prinzipiell fähig zu einem emanzipierten freien Willen.
Roth:
Nein, nein, umgekehrt. Ihr Einwand ist ein wundervoller Beleg
für meine These. Wenn ich Herrn Müller erkläre,
warum er plötzlich Schuhe gekauft hat, wirke ich ja auf sein
Gehirn ein und löse Gedanken aus, die ihn vielleicht tatsächlich
immuner machen gegen Kaufrausch. Ich erhöhe damit die Alternativen
seines Verhaltens und damit seine praktische Freiheit. Das heißt
aber nicht, dass sein Wille per se frei ist. Das nächste
Mal wird er wieder in die Falle tappen und sich manipulieren lassen.
Und letztlich ist mein Eingreifen ja auch eine Art von Manipulation.
SPIEGEL:
Herr Roth, Herr Schockenhoff, wir danken Ihnen für dieses
Gespräch. |