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Der Urschrei des Kosmos
In
der Bibel steht: "Am Anfang war das Wort", im Koran steht:
"Wenn Er ein Ding will, sagt Er nur: 'Sei!' - und es ist."
(36-82). Wie das genau gemeint ist, wissen wir nicht, aber hier
ist ein interessanter Artikel dazu.
Von
Markus Becker (Spiegel Online)
Wie
klang die Geburt des Universums? Ein US-Forscher hat das Nachglühen
des Urknalls analysiert - und herausgefunden, dass der Kosmos nicht
mit einem Knall, sondern mit einem Urschrei geboren wurde. Das Ergebnis
steht als Audio-Datei
im Internet.
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NASA - Illustration des Urknalls:
Am Anfang war ein Schrei |
Schriller
Schrei: Die Geburtswehen des Alls
Die
Frage ist fast ein Jahrhundert alt: Wie hat sich der Urknall angehört?
Seit Edwin Hubble in den 1920er Jahren die ständige Ausdehnung
des Universums entdeckte, stand die Theorie vom "Big Bang"
im Raum - und damit auch die zunächst banal klingende Frage,
ob es bei der Geburt des Alls wirklich gerummst hat.
Seit
einem Jahr nun haben Wissenschaftler die Möglichkeit, eine
Antwort zu finden - dank des Nasa-Satelliten WMAP, der die bisher
präzisesten Bilder der kosmischen Hintergrundstrahlung aufgenommen
hat. Im Nachglühen des Urknalls nämlich befinden sich
winzige Unregelmäßigkeiten. Sie sind das Erbe gigantischer
Schallwellen, die durch die heiße Ursuppe zuckten und deren
Abdrücke noch heute erkennbar sind.
Aus
den uralten Signaturen können Wissenschaftler heute rekonstruieren,
wie der Urknall geklungen hat. Einen ersten Versuch unternahm im
Oktober 2003 John Cramer von der University of Washington in Seattle.
Das Resultat seiner Berechnungen war ein Geräusch wie das eines
vorbeifliegenden Jets, das mit der Zeit zu einem tiefen Brummen
wird.
Mark
Whittle von der University of Virginia hat die Wellen in der kosmischen
Hintergrundstrahlung nun erneut ausgewertet - und kam zu einem anderen
Ergebnis. Der Urknall war eigentlich ein Urschrei, erklärte
Whittle jüngst beim Treffen der American Astronomical Society
in Denver. Und: Die Schallwellen machten nicht nur einen Höllenlärm,
sondern spielten auch eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung
von Sternen und Galaxien. "Die höchsten Töne führten
zur Entstehung der ersten Sterne, während die Bässe den
Hintergrund der Galaxien bildeten", erklärt Whittle. "Das
Universum hatte seinen eigenen Urschrei."
Im
Vakuum des heutigen Kosmos können sich keine Schallwellen ausbreiten,
doch unmittelbar nach dem Urknall war das noch anders. Die Materie,
die sich später zu Sternen und Galaxien verklumpen sollte,
war als dünnes Gas nahezu gleichmäßig verteilt -
"eine Art kosmische Atmosphäre, in der Schallwellen entstehen
und wachsen konnten", so Whittle.
Dennoch
wären Menschen - vorausgesetzt, sie wären nicht gleich
erstickt oder von der Gluthitze gebraten worden - keinesfalls in
der Lage gewesen, die Schallwellen zu hören: Sie sind mehr
als 50 Oktaven zu tief für das menschliche Gehör. Beim
Kammerton A treffen 440 Schallwellen pro Sekunde das Trommelfell.
"Eine typische kosmische Welle würde 50.000 Jahre brauchen,
um an uns vorbei zu schwingen", meint Whittle.
Ihre
Lautstärke hätte dagegen durchaus gereicht, einen Menschen
in den Wahn zu treiben. Noch 400.000 Jahre nach dem Urknall verursachten
die Schallwellen in der kosmischen Hintergrundstrahlung Schwankungen
von etwa einem Zehntausendstel des Normaldrucks, was laut Whittle
etwa 110 Dezibel entspricht - der Lautstärke eines Rockkonzerts.
Ouvertüre
mit majestätischem Dur-Akkord
Per
Computer drückte der Forscher die Tonhöhe der Schallwellen
in den Frequenzbereich des menschlichen Gehörs - und erhielt
eine Mischung
aus einem Akkord, einem Brüllen und einem lauten Zischen.
Die beiden tiefsten Töne des kosmischen Akkords wandeln sich
innerhalb der ersten Million Jahre von einer Dur-Terz zu einer Moll-Terz.
"Die Symphonie des Universums beginnt sehr angemessen mit einem
majestätischen Dur-Akkord", sagt Whittle. "Aber mit
der Zeit wandelt sich die Stimmung zu einem traurigeren Moll-Akkord."
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WMAP-Bild von der kosmischen Hintergrundstrahlung:
Wellen in
der Ursuppe |
Die
subtile Veränderung ist nur schwierig herauszuhören, da
sie von zwei anderen Effekten überlagert wird. Das rasante
Wachstum des Universums streckt die Schallwellen, so dass die Töne
immer tiefer werden. Zusätzlich kommt es 400.000 Jahre nach
dem Urknall zu einem dramatischen Wandel: Ein Zischen beginnt erst
leise und schwillt mit der Zeit zu einer ohrenbetäubenden Kakophonie
an. Der Grund für die schnelle Veränderung: Das Universum
wird plötzlich durchsichtig.
Vorher,
erklärt Whittle, war das All mit einem glühenden Nebel
aus heißem Gas gefüllt. Licht habe das Gas gefangen gehalten
und damit verhindert, dass die Schallwellen zu stark wachsen. Nach
400.000 Jahren aber, als der Kosmos auf unter rund 2800 Grad Celsius
abkühlt, lichtet sich der Nebel zügig. Das Gas ist nicht
mehr vom Licht gefangen und kann sich erstmals frei bewegen.
Hohe
Töne waren Geburtshelfer der Sonnen
Sofort
folgt es der Anziehungskraft der geheimnisvollen dunklen Materie,
die nach bisherigen Berechnungen rund 80 Prozent der Gesamtmasse
des Universums ausmacht. Die dunkle Materie hatte sich laut Whittle
schon vorher durch ihre eigene Schwerkraft zu Klumpen zusammengefunden.
Nun stürzt das Gas auf sie ein - und lässt die Lautstärke
des Urknall-Echos dramatisch ansteigen. "Weil viele Klumpen
klein sind, dominieren hohe Töne", so Whittle. "Das
Ergebnis ist ein lautes Zischen."
Dann
aber ändert sich der Klang erneut, denn das Gas kondensiert
zu immer größeren Körpern - und zündet die
ersten Sonnen. "In gewisser Weise waren die ersten Sterne Kinder
des Urschalls", meint der Wissenschaftler. "Sie haben
das Licht ins Universum zurückgebracht und die erste lange
Nacht des Kosmos beendet." |