Auszug
aus Peter Scholl-Latours: "Kampf
dem Terror - Kampf dem Islam?"
Aber
wie ist es bei diesen neuen Freunden und Verbündeten der
USA In Zentralasien um Freiheit und Demokratie bestellt, die der
weltweiten Globalisierung "á l'americaine" ihre
hehren moralischen Weihen verleihen soll? Ein imperiales Unternehmen,
wie es die USA es sich vorgenommen haben, muss, um erfolgreich
zu sein, pragmatisch vorgehen... und darf sich nicht im utopischen
Idealismus verlieren. Doch am Beispiel Usbekistans erweist sich
einmal mehr, dass die amerikanische Strategie in der arabisch-islamischen
Welt darauf angewiesen ist, ausschließlich auf Despoten,
Diktatoren und Militärjunten zurückzugreifen. Diese
Staaten befinden sich am Gegenpol jener Toleranz und Liberalität,
die die westliche Staatengemeinschaft als ihre Grundwerte erachtet.
Der pakistanische Präsident Musharaf hat eindeutig vorgeführt,
wie die Ausschaltung aller oppositionellen Kräfte und die
totale Machtkonzentration in seiner Hand dem Wohlwollen der Bush-Administration
nicht im Wege stehen, wenn die staatliche Repression sich nur
radikal genug gegen jedes Aufbegehren islamistischer Strömungen
bewährt.

Ähnlich verhält es sich seit mehr als zwanzig Jahren
in Ägypten, wo General Mubarak sich in regelmäßigen
Abständen als einziger Kandidat mit einem Traumergebnis von
97 Prozent der Stimmen zum Staatschef plebiszitieren lässt.
Die durchaus demokratische Regierungsübernahme der "Islamischen
Heilsfront" Algeriens (FIS) hingegen, die sich im Dezember
1991 absolut legal auf Grund freier Entscheidung der Bevölkerungsmehrheit
abzeichnete - die "Front Islamique du Salut" hatte bis
zu diesem Zeitpunkt durch soziale Fürsorge die Gunst der
Massen erworben und keinerlei Gewalt ausgeübt -, wurde bekanntlich
durch einen brutalen Putsch der seit der Unabhängigkeit herrschenden
Militärkaste verhindert. Niemand im Westen hatte damals Anstoß
genommen an dieser Vergewaltigung des Volkswillens, der im Sinne
einer koranischen Weltanschauung entschieden hatte und deshalb
verwerflich schien...
Kurzum, die heiligsten Prinzipien der im Atlantikpakt Vereinten
Nationen - Demokratie, Meinungsfreiheit, politischer Pluralismus
und Toleranz - werden dort von den zuverlässigsten und begünstigten
Partnern der "Freien Welt" mit Füßen getreten.
Die islamistischen Propagandisten können zu Recht darauf
verweisen, dass die Hegemonie der USA sich eines Geflechts von
Lügen und Heuchelei bediente, dass jeder Potentat - unter
der Vorraussetzung, dass er den wirtschaftlichen und strategischen
Interessen der Supermacht entsprach und sich in die weltweite
Front gegen den "Terrorismus" einreihte - mit Wohlwollen,
Schonung, ja mit aktiver Konsolidierung seines Regimes belohnt
wird...
In Untersuchungen des amerikanischen Geheimdienstes wurde schon
lange festgestellt, dass in fast allen muselmanischen Staaten,
zumal in Ägypten, falls wirklich freie Wahlen stattfänden,
islamische Parteien sich als stärkste politische Kraft durchsetzen
würden. Es ist ein Fehler, diesen religiös motivierten,
auf soziale Gerechtigkeit pochenden Strömungen a priori fanatische
Verblendung, rabiate Christenfeindlichkeit oder blutrünstigen
Terrorismus zu unterstellen. Diese Generaltendenz wird von Land
zu Land, von Gegend zu Gegend durch konträre historische
Entwicklungen und ethnische Partikularismen stark differenziert
und schließt keine Widersprüchlichkeiten aus. Zwischen
Usbekistan und Marokko, um nur dieses Exempel zu zitieren, liegen
Welten. Es bedürfte eines neuen Propheten - nicht nur eines
Osama bin Laden -, um die Harmonie der "Umma", die ideale
Gemeinschaft der Gläubigen, neu zu schmieden. Doch bei allen
Kontroversen dieser permanenten "Fitna" bleibt ein zwingendes,
einigendes Band, ein unverrückbarer Kern: der Text des heiligen
Koran, der keine beliebige Interpretation duldet, sondern als
"ungeschaffenes Wort Gottes von Ewigkeit an" die unverrückbare
Richtlinie vorgibt.